Hohenloher Kultursommer

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Hohenloher Kultursommer 2019

Aktuelles

"Am Anfang war die Aria" - von Leonore Welzin, 3.7.19, Heilbronner Stimme

SCHÖNTAL Eine der schwierigsten Klavierkompositionen und laut Musikkritikerpapst Joachim Kaiser das „bedeutendste Variationswerk der Musikgeschichte“ sind Bachs Goldberg-Variationen. Sie werden als Prüfsteine barocker Musikkultur bezeichnet, denn hier kann nicht vordergründig mit Athletik und Schnelligkeit gepunktet werden. Beim Hohenloher Kultursommer präsentiert Ingrid Marsoner dieses nach innen gekehrte Werk subtilster Klangstrukturen im Kloster Schöntal in Kombination mit einer kleinen Uraufführung: Bachscher Polyphonie folgen „Sieben Miniaturen“ des in der Region lebenden Kantors und Komponisten Siegmund Schmidt.
Am Anfang war die Aria. Hier flanieren die Finger traumwandelnd über die Tasten. Dieses Thema hat keine Eile. Seine Bass-Figur wird Johann Sebastian Bach noch dreißigmal verändern, bevor es am Ende wieder original erscheint. Das Thema singt, es atmet, es leuchtet dezent, wie nach innen gerichtet. So spielt Ingrid Marsoner die Eröffnung zu Bachs großem Zyklus.
Marsoner, die mit vier Jahren begann, Klavier zu spielen, mehrfach bei Wettbewerben wie „Jugend musiziert“ ausgezeichnet wurde, hat sich mit Interpretationen von Bach, der Wiener Klassik und der Frühromantik einen Namen gemacht. „Technisch überragend und immer am Puls der Musik, mitreißend und lyrisch, narrativ und virtuos“ beschrieb das Klassik Magazin „Pizzicato“ ihr Spiel.
Herausforderung Dass die Goldberg-Variationen live gespielt eine besondere Herausforderung bedeuten, trifft insbesondere für den Festsaal des Klosters zu, der kaum gegen Außengeräusche geschützt ist und dessen Holzdielen stark knarzen. Aber Marsoner bleibt davon unberührt. Sie taucht ganz in den Kosmos der Musik, spürt dem Puls nach, der bei Bach so präzise ist, als hätte er ein Metronom verschluckt.
Leichte Unsicherheiten der Phrasierung macht ihre Wandlungs- und Gestaltungsfähigkeit in den leisen, geheimnisvollen Passagen wett. Agil formt sie gesangliche Linien. Dabei ist ihr Anschlag kernig und samtig zugleich, ihre Verzierungen dienen nie als nur schmückendes Beiwerk, sondern sind Teil ihrer dramaturgischen Gestaltung. Ihr perlender Anschlag, ihre markigen, aber immer organisch platzierten Akzente, Kantabilität, Balance und Transparenz der einzelnen Stimmen – all das machen die pausenlosen 70 Minuten zu einem faszinierenden Klangausflug. Der wird vom Publikum mit viel Beifall und Ovationen im Stehen bedacht.
Dem Gipfel-Werk des Barockmeisters Bach folgen, quasi als uraufgeführte Zugabe, die „Sieben Miniaturen“ von Schmidt. Klanglich dynamisch konzipiert, arbeitet er mit hämmernden, synkopischen Rhythmen und Intervallen, die an Kirchturmglocken erinnern. Kontrastreich pendelt das zwischen expressiver Klanglichkeit und impressionistischen Spielereien.