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Hohenloher Kultursommer 2019

Aktuelles

"Virtuosität und Wohlklang", von Renate Väisänen, Hohenloher Zeitung, 8.8.2019

ÖHRINGEN „Würde Bach heute leben, säße er hinter den modernsten Rechnern und Keyboards“, äußerte sich der Bach-erfahrene, junge deutsche Musiker und Musicaldarsteller Paul Falk zum Leipziger Thomaskantor. Nein, so modern muss er dann doch nicht daherkommen: Jedenfalls sitzt er an diesem Sonntag weder hinter dem Computer und noch hinter einem Keyboard. Vielmehr beseelt der Geist des deutschen Barockgenies beim frühabendlichen Konzert in der Stiftskirche die Musiker Jan von Klewitz am Saxofon und Markus Burger am Konzertflügel.
Fließend Warm, weich, verhalten, wie aus unergründlichen Tiefen und dennoch luftig und lebendig klingen die Tonreihen, die der Berliner Jazzmusiker im Intro zum Bach-Choral „Erhalt‘ uns, Herr, bei deinem Wort“ aus seinem Instrument zaubert. Untermalt werden von Klewitz’ Tonkünste von den zurückgenommenen, perlend ausschmückenden Klavierklängen seines Duopartners Markus Burger, die sich ganz allmählich zur Melodie des Chorals formen und im sonoren Zusammenspiel beider Instrumente zu einer klangvollen Einheit verschmelzen. Und diese fließen elegant in den vierstimmigen, barocken Vortrag des Vokalensembles über.
Bei den schlanken, wohlklingenden, virtuos geführten Stimmen von Angelika Lenter (Sopran), Sandra Stahlheber (Alt), Hannes Wagner (Tenor und Christian Dahm (Bass) begreift man dann schnell, warum Carl Philipp Emanuel das Werk seines Vaters Johann Sebastian Bach wie folgt beschrieb: „Die Musik meines Vaters hat höhere Absichten; sie soll nicht das Ohr füllen, sondern das Herz in Bewegung setzen.“
In klanglicher Transparenz und durch und durch von Bach‘schem Geist inspiriert, lässt das Karlsruher Athos Ensemble die Reformationshymne „Ein feste Burg ist unser Gott“ erklingen, wieder eingebettet in ein brillant gewebtes, jazziges Gewand mit farbenreichen, popmusikalischen Anklängen. Ebenso wie die Sänger mit Melismen den Gehalt des Lutherlieds unterstützen und es mit jedem gesungenen Wort lebendig machen, tut es ihnen von Klewitz mit stilvollen Variationen auf dem Saxofon gleich.
Wenn auch das Lied „Bist du bei mir“ nach neueren Erkenntnissen nicht von Bach selbst stammt, so hat es dem Meister doch so gut gefallen, dass er es 1725 in das Notenbuch für seine zweite Ehefrau Anna Magdalena aufnahm. Inbrünstig und in glockenheller, zarter Schlichtheit erklingt das Werk aus einer verschollenen Oper des sächsischen Komponisten und Bach-Zeitgenossen Gottfried Heinrich Stölzel durch Sopranistin Lenter zum lyrischen Klavier und Saxofon.
Brillant Ob nun mit den Bach‘schen Evergreens „Jesu bleibet meine Freude“, „Nun freut euch, liebe Christen g‘mein“ oder mit dem – wie auch anders – zu Herzen gehenden, ergreifenden Choral „O große Lieb‘, o Lieb‘ ohn‘ alle Maßen“ aus der Johannespassion, das zum Konzertende mit einem erhebenden Forte-Fortissimo das Kirchenschiff des ehrwürdigen Gotteshauses erfüllt, brillieren die beiden Künstlergruppen während des anderthalbstündigen Konzerts jede auf ihre eigene Art und Weise. Aber sie finden doch immer wieder zu einem ebenso reizvollen wie runden Klangbild zusammen. Mit reichlich Applaus werden die Musiker für diese besondere Synthese belohnt.