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Hohenloher Kultursommer 2019

Aktuelles

"Schalk im Tangoschritt" - von Leonore Welzin, Heilbronner Stimme, 17.9.19

SCHÖNTAL „Es ist mir unmöglich, ein Programm zum Eulenspiegel zu geben: In Worte gekleidet, was ich mir bei den einzelnen Teilen gedacht habe, würde sich verflucht komisch ausnehmen und viel Anstoß erregen. Wollen wir diesmal die Leutchen selber die Nüsse knacken lassen, die der Schalk ihnen verabreicht?“ so Richard Strauss (1864-1949) zum Programm „Till Eulenspiegels lustige Streiche“.
Ob es rheinischer Frohsinn war, der den Leuten bei der Uraufführung 1895 in Köln geholfen hat, die Nüsse dieser Eulenspiegelei zu knacken, ist nicht überliefert. In der Klosterkirche Schöntal wird beim Konzert des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn, bei dem auch Don Juan und Don Quixote Pate standen, nicht nur dieses Werk mit Bravos überschüttet.
Beim WKO-Konzert des Hohenloher Kultursommers stimmt einfach alles: Akustik, Orchester, Dirigent, Programm, Publikum und allen voran der Solist. Julian Steckel ist ein grandioser Cellist. Sein Haydn-Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur ist so quicklebendig, als sei es eben aus der Taufe gehoben worden. Intuitiv scheinen sich Orchester und Solist die Bälle zuzuwerfen.
Mit Leidenschaft Präsent wie immer, kann sich der Mann am Pult, Case Scaglione, streckenweise fast völlig zurücknehmen. Mit Leidenschaft, Verve und Perfektion gelingen Steckel auch die nächtlichen Tänze des Don Juan Quixote von Aulis Sallinen (1935). Der Hybrid aus Held und Antiheld im Titel – Don Juan, Archetyp des Fraueneroberers, und Don Quixote, Prototyp des Versagers – deutet den Spagat der Stile an. Eine verrückte Mischung unterschiedlichster Musikrichtungen, integriert der finnische Komponist Tango, Swing und Folklore wie alla Chitarra-Pizzikati der Violinen in die geisterhaft-bizarre Kulisse dieser „Nocturnal Dances of DonJuanQuixote“.
Riesenapplaus! Steckel bedankt sich dafür mit dem Cellosolo des Marsches für Kinder von Sergej Prokofiev als Zugabe. Die Abenteuer des Ritters aus La Mancha gehören zu den meistvertonten Stoffen. Auch Georg Philipp Telemann (1681-1767), mit dem das WKO den Spätsommernachmittag eingeläutet hat, lässt sich von Cervantes’ meisterhafter Persiflage zu Schelmenweisen inspirieren. Seine Burlesque de Don Quichotte Suite für Streicher und Continuo beleuchtet in acht kurzen Episoden vom Erwachen über den Kampf gegen die Windmühlen, dem Liebes-Seufzer nach der Prinzessin Dulcinée bis zum Einschlafen schlaglichtartig die Handlung.
Müde Helden Prägnante Motive wie „La Galope de Rosinante – Celui d’Âne de Sanche“ (Der Galopp der Rosinante, jener des Esels von Sancho Pansa) zeigen die bedächtige Rückkehr zum heimatlichen Stall. Die Tiere sind so müde wie die Helden, die auf ihnen sitzen.
Für den Basso continuo hat das WKO übrigens eine Theorbe gewählt. Der weiche Lautenklang des Instruments streicht warm wie Sonnenstrahlen über die Seele. Wer glaubt, mit dem Glockenschlag beim Schlafengehen sei Ruhe eingekehrt, wird von Telemann eines Besseren belehrt: Im Traum wird der Ritter einmal mehr von seiner Abenteuerlust eingeholt.